Die Figur der Momo aus dem gleichnamigen Buch von Michael Ende hat fĂŒr mich eine tiefgreifende Symbolik angenommen, die sich durch meinen beruflichen Werdegang zieht. Diese Verbindung trĂ€gt ihre Wurzeln in meiner Kindheit, prĂ€gt meine Einstellungen und Methoden und flieĂt schlieĂlich in meine spezielle Beratungs- und Therapierichtung ein.
Der Bogen, den ich von einem Kinderbuch zu meinem heutigen Leben spanne, mag auf den ersten Blick groà erscheinen. Dennoch finde ich in meiner beruflichen Haltung zahlreiche parallele Aspekte. In meiner Arbeit geht es nicht darum, RatschlÀge zu erteilen oder als allwissende Expertin aufzutreten. Vielmehr liegt mein Fokus darauf, wirklich zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen. Letztendlich weià nur die Ratsuchende oder der Ratsuchende bzw. die ratsuchende Person selbst, was in der Vergangenheit hilfreich war, wie die Person ihr Leben gestalten möchten und was im Hier und Jetzt guttut. Mein Ziel ist es vielmehr durch professionelle Begleitung in Form von systemischer Beratung und Therapie zur Seite zu stehen.
Bereits als Kind war ich von Momos Geschichte fasziniert. Die Grauen Herren, die als Zeitdiebe agieren und sich selbst als âAgenten der Zeitsparkasseâ bezeichnen, erzeugten zwar eine gewisse Furcht, doch weit mehr beeindruckte mich die Figur der Momo. Sie besaĂ keine magischen FĂ€higkeiten, war jedoch fĂŒr die Menschen um sie herum von unschĂ€tzbarem Wert.
Ihr groĂes Talent, zuzuhören, verĂ€nderte das Leben vieler: âSie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass SchĂŒchterne sich plötzlich frei und mutig fĂŒhlten. Oder dass UnglĂŒckliche und BedrĂŒckte zuversichtlich und froh wurden.â
Ich habe mich bewusst fĂŒr Weiterbildungen in den Bereichen der systemischen Beratung, Familientherapie und systemischen Sexualtherapie entschieden, die Teil meines Qualifikationsprofils sind. Im systemischen Ansatz steht das Anliegen der Klient:innen im Zentrum.
Dabei ist es besonders wichtig, gerade zu Beginn mit echtem Interesse und ausreichend Zeit zuzuhören!Â
Buch MOMO von MICHAEL ENDE (Erstauflage: Stuttgart 1973)
âSo kam es, dass Momo sehr viel Besuch hatte. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen, der angelegentlich mit ihr redete. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte, schickte nach ihr, um sie zu holen. Und wer noch nicht gemerkt hatte, dass er sie brauchte, zu dem sagten die anderen: âGeh doch zu Momo!â
Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug, dass sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte, wenn jemand Trost brauchte?
Nein, das alles konnte Momo ebenso wenig wie jedes andere Kind.
Konnte Momo dann vielleicht irgendetwas, das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie z.B. besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen?
Nein, das war es auch nicht. Konnte sie vielleicht zaubern? Wusste sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch, mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonst wie Zukunft voraus sagen?
Nichts von alledem!
Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saĂ nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren groĂen, dunklen Augen an, und der Betreffende fĂŒhlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass SchĂŒchterne sich plötzlich frei und mutig fĂŒhlten. Oder dass UnglĂŒckliche und BedrĂŒckte zuversichtlich und froh wurden.
Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es ĂŒberhaupt nicht ankommt, und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf und er ging hin und erzĂ€hlte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch wĂ€hrend er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich grĂŒndlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise fĂŒr die Welt wichtig war.
So konnte Momo zuhören!â
Auszug aus dem Buch MOMO von MICHAEL ENDE, Stuttgart 1973
Fotonachweise:
- Michael Ende: Schriftsteller Michael Ende (1929-1995): Foto von Caio Garrubba, Thiemann Verlag
- Eigene Fotos [Buchdeckel, Amphitheater und Zeitsparkasse] aus dem Buch von Ende, Michael (1973): Momo. 24. Auflage. K. Thienemanns Verlag in Stuttgart.
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